Best of the Wurst

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Die Wurst brutzelt unter fahlem Neonlicht
Die Tageszeitung
Fri, October 10th 12:00 PM
Urdeutsches Fleisch mit asiatischem Gew¸rz: Die Nachwuchsregisseurin Grace Lee widmet der Currywurst jetzt die Dokumentation "Best of the Wurst". Darin entlockt sie Frittenbudenbesuchern ihre Lebensgeschichten

Gerhard Schrˆder hatte keine Zeit. Er sei wohl zu besch‰ftigt gewesen, vermutet Grace Lee. Dabei h‰tte er doch so gut in den Film der amerikanischen Nachwuchsregisseurin gepasst. Lee hat gerade die Dreharbeiten zu "Best of the Wurst" abgeschlossen, einer Dokumentation f¸r den Berlin Today Award, die auf der Berlinale im Februar zu sehen sein wird. Die Hauptrolle spielt, klar, die Currywurst, deren vollendetes Exemplar Lee in Berlin sucht. Die filmische Adelung erf‰hrt die Wurst zu Recht, ist sie doch auch Kanzlerwurst. Weil Schrˆder so demonstrativ keinen Hehl daraus macht, gelegentlich an Imbissbuden diese Kombination aus urdeutsch verwurstetem Fleisch und asiatischem Gew¸rz zu sich zu nehmen. Autorin Lee hat Ersatz gefunden f¸r den Kanzler. Bei Konnopkes, bei Curry 36 oder bei Wittys, den Szenetreffs der Berliner Currywurst-Fangemeinde. Ihr Film beschr‰nkt sich nicht, wie der Titel suggeriert, auf die Suche nach der besten Wurst. Sie wolle vielmehr mit den Menschen ins Gespr‰ch kommen, sagt die Regisseurin, die immer wieder selbst im Bild erscheint. ‹ber die Wurst. In der ersten Frage geht es meist um das "persˆnliche Verh‰ltnis zur Currywurst". Sie fragt danach immer auf Englisch, was ein wenig lustig klingt - "personal relationship with curry-wurst". Lee lenkt das Gespr‰ch mit den Frittenbudenbesuchern dann z¸gig auf ihre Lebensgeschichten. Damit das klappt, hat sie sich einen Pseudoplot ausgedacht und einen Schauspielpartner angeheuert. Der zeigt der Regisseurin die Stadt, weil sie angeblich ¸berlege, von Los Angeles in die deutsche Hauptstadt zu ziehen. Die Leute sollen dann sagen, ob sie ihr das empfehlen kˆnnen. Schauspielpartner ist Wanja Mues. Er hat Grace Lee mit der Currywurst bekannt gemacht. Als sie einmal nach Berlin kam, hat Mues sie abgeholt und noch am selben Abend unter das fahle Licht einer Imbissbudenneonleuchte gef¸hrt. Lee war sehr angetan. Nicht nur von der Wurst. Auch von der Atmosph‰re bei Wittys, von den Leuten, die sie so bereitwillig in die Geschichte der Currywurst einwiesen. Mues selbst wusste n‰mlich nur eins: "Es gibt sie mit und ohne Darm." Die Szene von damals wiederholt Lee jetzt dutzendfach in ihrem St¸ck. Mit wechselnder Besetzung. "Die Imbissbudenbesitzer sind immer ganz bescheiden", erz‰hlt Mues. "Die sagen dann: ,Die Leute halten unsere Wurst f¸r die beste. Wei? nicht, ob das stimmt.'†" Man treffe beim Currywurstessen "ein wahres Spiegelbild der Gesellschaft" an. W‰hrend er das sagt, warten BVG-Beamte in Uniform und Studenten in Cordjacketts gemeinsam in einer Schlange vor Konnopkes Imbiss. Herr Ziervogel steht in der Bude, die Arme abweisend vor der Brust verschr‰nkt, und ‰rgert sich ¸ber das Interesse an seiner Wurst. "Eine Plage. St‰ndig fragt einer, ob er hier drehen kann oder ¸ber uns schreiben." Herr Ziervogel ist Herrn Konnopkes Schwiegersohn. Und irgendwann sagt Ziervogel dann tats‰chlich: "Die Leute halten unsere Wurst f¸r die beste. Wei? nicht, ob das stimmt." Drau?en wird derweil deutlich, was "¸ber die Wurst ins Gespr‰ch kommen" bedeutet. "Ist das deine erste Currywurst?", fragt Lee einen kleinen Jungen. Als der nickt, erkundigt sich auch sein Vater noch einmal: "Hat die Mama nie eine mit dir gegessen?" Marvin sch¸ttelt den Kopf. "Ich sehe ihn nicht so h‰ufig, wir sind geschieden", erkl‰rt der Vater. Und blickt ein bisschen betreten nach unten. Auf die darmlosen mit gelbem Currypuder bestreuten Wurstscheiben in der siffig-roten Sauce. "JOHANNES GERNERT

Posted Nov 24 7:29AM